Videos, Fotos, Scans

Bitte um Nachsicht: Hier kann aus dem Mix meiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Mietervertreter und gleichzeitig sonstigen Interessen, Reisen etc. eine oft ziemlich wilde Mischung entstehen.

Im weiteren Verlauf sind aber alle Beiträge, Fotos und Clips nach Themengebieten sortiert. 

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Gerhard Kuchta hat ein Foto gepostet:

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Gerhard Kuchta hat ein Foto gepostet:

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Gerhard Kuchta hat ein Foto gepostet:

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Das ist mein (aus dem Flachauer Kreuz) selbst-gebastelter Entwurf des Titelblatts.

Auch der Titel ist immer noch provisorisch!

Evangelium - ein wenig verspätet (ANKLICKEN!)

Und hier noch ein paar Leseproben ...

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Antworten auf diese Diskussion

Was das sein soll?

Nun ja, ich habe den Ruf, nicht gerade zu den schnellsten Zeitgenossen zu zählen. "Ist der Gerhard da? Ja? Okay, dann sind wir komplett!"

Deswegen ist es wohl verständlich, dass auch "mein" Evangelium mit etwas Verspätung erscheint – einer geringfügigen Verspätung bloß, denn was sind schon läppische zweitausend Jahre gegen die in dieser Thematik so oft zitierte Ewigkeit!

Heute, nach dieser langen Zeit versuche ich wahrscheinlich dasselbe wie damals angeblich Matthäus, Markus, Lukas und Johannes: Ich schreibe eine Geschichte über einen ebenso "wundervollen" wie "wunderlichen" Menschen, verwende ein paar Zitate oder Begebenheiten aus Überlieferungen und füge eine gute Portion eigener Anschauung bzw. Interpretation dazu.

Halt! Einen wesentlichen Unterschied gibt es schon: Ich behaupte nicht, dass meine Geschichte wahr ist!

Aus diesem Grund kann ich die Handlung auch in der jüngeren Vergangenheit ablaufen lassen, an einem vollkommen anderen Ort – und somit die Spekulation anstellen, wie es Jesus wohl heutzutage ergehen würde. Wer hätte in diesem dramatischen, bedeutenden Spiel welche Rolle inne?

Ob ich mich mit meiner Abwandlung von den damaligen Geschehnissen noch weiter entfernt habe, oder dem Original wieder nähergekommen bin, wird bis zur Erfindung der Zeitmaschine wohl nicht einmal der beste detektivisch begabte Historiker herausfinden.

Im Grund genommen ist diese Frage auch weniger von Bedeutung. Das Werk soll lediglich zum Nachdenken anregen - und wenn aufgrund dessen nur ein einziges freudvolles Werk (für andere oder einem selber!) geschieht, das sonst unterblieben wäre oder auch nur eine einzige leidvolle Tat weniger vollbracht wird, dann sind diese Zeilen bereits ein grandioser Erfolg!

Dieses Buch wollte für so lange Zeit keiner drucken oder verlegen. Nur ich habe es manchmal verlegt - aber zum Glück immer wieder gefunden!

Aufgrund dessen kann ich Dich nun in ein paar Leseproben aus der fiktiven Realität meiner drei Hauptfiguren führen und wünsche Dir auf Deiner Reise durch meine Phantasie viel Muße und Freude!
Sie schritt langsam den Hügel hinab. Ihre Sandalen wirbelten feine Staubwölkchen in die Luft. Fortwährend zermarterte sich die Frau den Kopf, wie das entsetzliche Geschehen hätte verhindert werden können. Maria Magdalena wandte sich um. Der tränenverschleierte Blick nahm nur undeutlich jene drei Holzkreuze gegen den sich lichtenden Himmel aus.

Und irgendwann in der endlosen Zeit, die wir haben, vollendet das Karussell seine Runde, beginnt den ganzen langen Weg aufs Neue, ...
... irgendwo, erst gestern!
Es war Sommer in der Stadt. Einer von denen, die sich vom Winter lediglich durch ein paar Grade mehr auf dem Thermometer und einige Regentropfen weniger unterschieden. Und es war eine von vielen Städten an der Ostküste. Welche? Irgendeine.

An der Ostküste. Wie das klingt! Vernimmst du bei dem Zusatz das dumpfe Rauschen der Brandung, das schrille Kreischen der Möwen und das monotone Tuckern kleiner, rostiger Kutter? Atmest du nicht auch eine frische Brise Salzwasserluft mit einem kleinen Schuß Fischodeur darin? Nichts dergleichen! Schließlich war der Ozean in Wirklichkeit einige Meilen von der Metropole entfernt. Wenn hier etwas rauschte, dann höchstens die Wasserspülung des Mieters oberhalb. Das Kreischen und Tuckern stammte von einer viel zu früh angeworfenen Maschine im Hinterhof einer kleinen Fabrik. Und es roch in dieser Straße nicht frisch - aber seltsamerweise dennoch nach Fisch. Zumindest jetzt eben am frühen Morgen, zum Beginn unserer Geschichte.

Es war gegen sieben Uhr, nahezu nachtschlafende Zeit für jenen Gutteil der Einwohner, die es gewohnt waren, erst um neun ihr Tagwerk zu beginnen. Deshalb war gegenwärtig auch noch jedes kleinste Geräusch zu hören, denn der Blechstrom, welcher sich sonst zähflüssig durch die Häuserschluchten wälzte - so träge wie der breite Fluß, der die Stadt in Richtung Atlantik durchfloß - war noch nicht aus seinen steinernen Quellen hervorgebrochen. Nur eines der vielen gelben Taxis bummelte soeben unsere Straße entlang. Entweder der Fahrer begann gerade seinen Dienst, oder er hatte sich hoffnungslos verirrt. Denn wer sollte um diese Zeit in diesem Stadtteil ein Taxi chartern? In den umliegenden Häusern wohnten Leute, die ihr Geld lieber in Bier und Höherprozentigem anlegten oder es zum nackten Überleben brauchten, statt es für ein Taxi auszugeben. Der Bus war allemal schnell genug. Eine U-Bahn hatten die Stadtväter ja zu bauen vergessen – damals, als noch Zeit dafür gewesen wäre. Jetzt war es dafür zu spät. Und außerdem: Der Bus war ja allemal schnell genug.


Warum die USA?

Ich war selber noch nie dort, was die Story nicht leichter machte - und doch: was fällt Dir denn heute sonst für ein "gelobtes Land ein? Woher übernehmen wir alles und jedes am blindesten, bloß weil es Geld zu bringen verspricht? Wo sonst liegen Macht und Ohnmacht so nahe beieinander? Die USA - das Land der unbegrenzten Möglichkeiten - und der begrenzten Unmöglichkeiten. Und wo sonst haben die Medien derart viel Macht? Macht genug, um Götter oder Ungeheuer zu erschaffen ...!
Simon Petrus

Ein einsamer Straßenkehrer stand mitten im sinnlosen Kampf gegen den Unrat in dieser Straße. Sisyphus war ein Glückspilz gegen ihn. Und ein offenbar an Arbeit gewöhnter Mann mit Lederjacke und grobschlächtigem Gesicht lud gerade Holzkisten von einem kleinen Lastwagen ab. Die Behältnisse waren voll mit frischem Fisch – so frisch dieser eben sein kann, wenn er schon zahlreiche Meilen von der Küste bis zur Stadt hinter sich hat. Fisch in allen Formen, Arten und Größen. Hunderte runde Augen blickten starr und tot zum farblosen Himmel. Daher also jener Geruch, der sich viel weiter durch unsere Straße zog, als den Anrainern lieb war!

Die abgeladenen Holztragen wurden von kräftigen Händen gepackt und in einen kleinen Laden bugsiert. "Potters delikater Fisch" stand auf einem nicht gerade modernen Schild über dem winzigen Schaufenster. Aber die vom Rackern und Schuften gezeichneten Hände gehörten nicht Mr. Potter. Oh nein! Benjamin Potter war eine Berühmtheit hier im Viertel. Ihm gehörten vier Läden in der Umgebung und nicht etwa rissige Hände mit Schwielen daran. Potter ließ arbeiten, er tat es nicht selbst.

Und an diesem Ort ließ er es Peter Simmons tun. Dieser Mann hatte nicht nur in aller Herrgottsfrüh Fischkisten zu übernehmen und deren Inhalt zu versorgen, sondern obendrein ab halb neun Uhr morgens hinter dem Ladentisch zu stehen und die Ware zu verkaufen. Der Angestellte hatte nicht bloß kräftige Hände. Zu Peters muskelbepackter, überdurchschnittlich großer Gestalt gehörte auch ein mächtiger Kopf mit schwarzen Wuschellocken. Das heißt: Es waren einmal schwarze Wuschellocken gewesen. Peters Alter von einundvierzig Jahren war für das Silbergrau an vielen Stellen verantwortlich, und der Kahlschlag seiner Mannesjahre hatte unter Beihilfe von etwas Nachlässigkeit die Locken zu ein wenig ausgedünnten, langen und glatt nach hinten gebundenen Strähnen werden lassen. Ein kantiges Gesicht mit kräftiger Nase und sehr forschen Augen unter buschigen Brauen hatte schon viele zur Vorsicht gemahnt. Jener wilde Bart, der das Gesicht umrahmte, tat sein übriges. Das war Peter Simmons.

Er arbeitete schon seit über zwei Jahren für Benjamin Potter. Der Unternehmer zeigte sich zwar nicht begeistert von seinem Mitarbeiter, aber es ging. Peter wußte zu arbeiten. Das hatte er sich aus seiner Zeit als Bauarbeiter erhalten. Der Mann war eine Spitzenkraft in diesem Metier gewesen - bis zu seinem Unfall damals. Ein wenig hinkte Peter noch, unmerklich für alle, die nichts von der Geschichte wußten. Aber eben genug, um damals seinen angestammten Beruf aufgeben zu müssen. Es waren ab diesem Ereignis für den Rekonvaleszenten schwere Zeiten angebrochen. Manch dunkles Haar aus seiner Pracht hatte damals seine Farbe verloren, als auch Zuversicht und Selbstvertrauen aus seinem Leben verschwanden. Peter war heilfroh gewesen, daß Benjamin Potter ihm nach langen Monaten endlich jene Stelle im Fischgeschäft gegeben hatte, die anscheinend sonst kein anderer wollte. Und Peter blieb. Aber er blieb nicht so, wie er einst einmal war.

So mancher derbe Fluch begleitete die Lieferung auf ihrem Weg in das Innere des Ladens. Und ein Fußtritt an jede Kiste, die endlich an Ort und Stelle angelangt war, bekräftigte Peters Mißfallen am Thema "Fisch". Er trat vor die Tür, machte einen flüchtigen Blick auf jene Warenliste, die ihm der Mann in der Lederjacke unter die Nase hielt und unterzeichnete das Papier brummend, in krakeliger Schrift. Der andere nahm weder am Gebrumm noch an der unleserlichen Unterschrift Anstoß, drückte Peter den Durchschlag des Formulars in die tranige Pranke, schwang sich hinter das Lenkrad seines desolaten Lasters und fuhr los. Ein Blick in den zitternden Rückspiegel hätte ihm den Zurückbleibenden gezeigt, der dem Wagen von der Randsteinkante aus finster nachblickte.

Da fuhr er hin, der Urheber all seines Übels! Kein Fischer – kein Fisch. Kein Fisch – keine Fischkisten. Keine Fischkisten – kein Fischgeschäft. Kein Fischgeschäft – ach ja! Kein Fischgeschäft – kein Job – kein Geld. Der für Peter Simmons betrübliche Ausgang einer Spekulation, die so vielversprechend begonnen hatte.

Die Zeiten waren düster, die Wirtschaft auf dem Boden – auch in unserer Stadt an der Ostküste. Den meisten Betrieben in der Umgebung ging es dreckig. Und den Leuten, die dort arbeiteten, ging es durchwegs noch viel dreckiger. "Gesundschrumpfen" nannten es die Manager hochtrabend. "Ohne Job sein" sagten die Leute hier im Viertel wesentlich trivialer dazu. In diesem Bezirk wohnten Arbeiter und Nicht-Arbeiter. Letztere waren überwiegend unfreiwillig zu solchen geworden. Und die freiwilligen Angehörigen jener Spezies schliefen entweder in den Hauseingängen und Hinterhöfen oder sie holten sich ihr Geld mit Gewalt, Tricks, Dealen oder Zuhälterei von den weniger Armen. Nur allzu oft war es in dieser Gegend ratsam, muskelbepackt, groß und so gefährlich auszusehen wie Peter.

Jener starrte immer noch die Häuserzeile hinunter. Der klapprige Lastwagen war längst um irgendeine Ecke gebogen. Dabei führte die Straße doch schnurgerade zum Highway, der den Fahrer rasch aus der Stadt und in Richtung Küste gebracht hätte. Man konnte vom Eingang des Ladens sogar die Stelle sehen, an der ihr Verlauf unter der vielspurigen Autobahn durchführte, immer weiter dem Zentrum entgegen. Auf dem Highway erwachte offenbar langsam der Straßenverkehr. Die Dächer größerer Fahrzeuge flitzten hinter der Steinbrüstung hin und her. Auch war ab und zu das Hupen besonders hektischer Zeitgenossen bis hierher zu hören.

Hinter der Stadtautobahn erhob sich wie ein fernes Gebirge die Skyline der City. Jene Bezeichnung war vielleicht etwas übertrieben, aber die Bürger – vor allem die Bürgermeister – waren stolz auf die Handvoll Wolkenkratzer, das Statussymbol jeder Metropole an der Ostküste. Wenn auch die Wolken einen Sturzflug hätten einlegen müssen, um sich an diesen Bauwerken noch kratzen zu können – die Häuser dort drüben waren jedenfalls um einiges höher, schöner und sauberer, als die Bruchbuden in den Blöcken hier. Man sah den mächtigen Bauten jenseits der querenden Trasse von außen nicht an, daß auch aus ihnen das große Geld längst in ein paar südwestlich gelegene Vororte geflüchtet war. Den Häusern diesseits davon sah man aber von allen Seiten an, daß niemals viel Geld in ihnen gewohnt hatte. Die Fassaden waren schmutziggrau, trostlos und abgeschlagen. Häßliche Feuerleitern prangten wie verunglückte Baugerüste an jeder davon.

Die Geschäfte hierorts waren allesamt klein, altmodisch und ohne jeden Aufputz. Die Bars in dem Gebiet lebten von billigem Fusel und von Prostitution. Die Lokale verdienten höchstens am schnellen Snack. Wenn das auch nicht die Hölle war, dem Fegefeuer kam es verdammt nahe. Den Leuten in diesem Viertel ging es schlecht – und "schlecht" heißt in diesem Fall wirklich miserabel. So gesehen konnte sich Peter Simmons glücklich preisen, bei Benjamin Potter eine sichere, wenn auch nicht hochbezahlte oder gar geliebte Anstellung gefunden zu haben.

Ohne den positiven Ausgang dieser Betrachtung richtig zu würdigen, kehrte Peter mit einem Seufzer in das Innere des Fischladens zurück. Der Kundenraum des Geschäfts war so winzig und trostlos wie es die kleine, etwas verdreckte Auslagenscheibe schon von außen verhieß. Jetzt am frühen Morgen, da das Tageslicht noch nicht in das Lokal fallen konnte und die Neonbeleuchtung der Vitrine ausgeschaltet war, wirkte der Verkaufsteil noch trister als sonst. Ein zweiter Seufzer des hier Beschäftigten folgte daher. Peter schloß ab und begann, sich um die eingetroffene Lieferung zu kümmern. Eine Menge Arbeit. Er mußte sie erledigt haben, bis das Geschäft um acht Uhr dreißig wieder öffnete ...!


Auch eine mir fremde Branche, aber Simon Petrus MUSS einfach irgendwas mit Fischen zu tun haben, findet Ihr nicht?

Peter Simmons, ein Gestrandeter inmitten von lauter Gestrandeten ...!
Machen wir nun einen kleinen Sprung vorwärts! Einiges ist geschehen, was Peter vor Probleme stellt. Und hier findet eine für die gesamte Geschichte bedeutungsvolle "Beschwörung" statt:

Annas, Jesus und Co.
Jede Fußspanne, die den Verkäufer von seinem Arbeitsplatz wegführte, ließ ihm die Tatsachen bewußter werden. Mein Gott, was hatte er bloß getan!

Peter fand es gerecht, was er den beiden Weibern da geliefert hatte, keine Frage. Und es war ihm schon lange ein Bedürfnis gewesen.

Na also! Die Zeit war einfach überreif dafür gewesen. Aber es beschäftigte ihn doch noch etwas anderes. Peter erinnerte sich an seine Gedankengänge von heute früh: Kein Fischgeschäft – kein Job – kein Geld!

Mrs. Brown würde, assistiert von ihrer Freundin, alle Register ziehen, damit Mr. Potter ihn hinauswirft, ganz klar. War es das wirklich wert gewesen?

Noch dazu würde Cynthia Browns üble Nachrede dafür sorgen, daß ein gewisser Peter Simmons weit und breit keine neue Anstellung mehr bekäme, ebenfalls ganz klar. Wenn auch die meisten anderen Geschäftsleute nichts von verleumderischen Erzählungen hielten, sie hielten um so mehr von der öffentlichen Meinung. Und die gehörte dem eingespielten Duo ebenso sehr, wie dem Pfarrer das Amen in der Kirche.

Wie war er denn jetzt bloß auf diesen blöden Vergleich gekommen? Peter erwachte aus seinen Grübeleien, schüttelte über sich selbst den Kopf und sah sich um. ‚Ach, das ist der Grund!‘ Er stand direkt an den Stufen von St. Lucas, dem größten und nach seinem Geschmack auch weitaus schönsten Gotteshaus in der ganzen Umgebung.

‚Warum nicht?‘ meinte der Ruhelose zu sich selbst. ‚Jemandem in deiner Lage kann es keinesfalls schaden, und Zeit hast du ja ab jetzt wohl genug.‘

Er stieg die breiten Stiegen zum Portal empor. "In Gottes Namen tretet ein" war in großen Blockbuchstaben über der Pforte zu lesen. Peter Simmons befolgte die Anweisung. Wohltuend umfing ihn die feuchte, düstere Kühle des Kircheninneren. Der Straßenlärm und die ungewohnte Mittagsglut eines Arbeitstages blieben hinter ihm zurück.

Der Mann atmete einige Male tief und beruhigte mit dem erfrischenden Dunkel sein loderndes Gemüt. Ein wenig Weihrauch drang ihm in die Nase. Peter war zwar nicht übermäßig gläubig, hielt sich aber trotzdem gerne an diesem Ort auf. Etwas Tröstendes, Entrückendes ging von diesen Mauern aus. Alles vorher Bedrohende, Übermächtige wurde hier ein wenig kleiner und erträglicher. Kam es von dem gequälten Mann, der da vorne nackt und tot am Kreuz hing? Waren es die vielen kleinen, flackernden Kerzen, welche Menschen in ihrer Not, ja oft Todesangst weiter links vor einer Marienstatue angezündet hatten? Oder kühlte dieser gemauerte Eisschrank einfach nur all jenes ab, was vorher in der Hitze und Hektik der Stadt entflammt war?

Die Handvoll schmuckloser Säulen verschwand nach oben in dämmrigem Nichts. Das verlieh ihnen trotz ihrer Schlichtheit etwas Geheimnisvolles. Zwei italienische Mamas knieten in der vordersten Bankreihe, als ob sie durch die eigene Nähe zum Altar ihren Gebeten zu mehr Durchsetzungskraft verhelfen könnten. Viel mehr war - mit Ausnahme des Allerheiligsten - im stillen, dunklen Gotteshaus kaum zu erkennen.

Peter setzte sich in die vorletzte Reihe. Es war ihm ein wenig peinlich, daß er dabei ungewollte an das alte Holz stieß und überlaut wirkenden Radau verursachte. Nach einigen Momenten der Sammlung begann der Mann zu beten – besser gesagt: Er machte das, was er so nannte. Der Haltsuchende führte einen stillen Dialog mit einem mächtigen, unsichtbaren und stummen Lebensberater. Er tat das aus einer Art Aberglauben, aus dem man beispielsweise einen Schornsteinfeger anfaßt oder einem Künstler über die Schulter spuckt. "Wenn es auch nichts nützt – schaden kann es um so weniger." war stets Peters Einstellung zu diesem Thema gewesen.
‚He du, lange nicht gesehen!‘ begann dieser nun, seine Gedanken zu formulieren. ‚Ich hoffe, dich stört das nicht. War eben viel los in der letzten Zeit. Bis heute morgen – ich, ... ich habe wieder einmal Mist gebaut. Tut mir auch leid, aber manches muß einfach sein – zumindest wenn man so ist, wie du mich geschaffen hast. Und jetzt sitze ich halt da – in der Scheiße – und weiß nicht weiter. Für ein wenig Hilfe wäre ich dir echt dankbar, ehrlich ...!‘

"Guten Tag, mein Sohn." unterbrach ihn da eine Stimme.

Der Gestörte wandte sich irritiert, sogar ein wenig verärgert um. Hinter der letzten Sitzbank stand Vater ....., Vater ....., ach, den Namen hatte Peter längst vergessen. Jedenfalls war der große Mann in Schwarz mit dem runden, weißen Kragen der amtierende Pfarrer in St. Lucas. In der Tat war der Geistliche so groß wie sein Gegenüber, aber bei weitem nicht derart kräftig. Letzterer erinnerte sich noch an das kantige, etwas brutal wirkende Gesicht mit den erschreckend fanatischen Augen, die überhaupt nicht zum schleimig weichen Druck der schmalen Hände gepaßt hatten.

"Guten Tag, Hochwürden." grüßte auch Peter und wollte höflichkeitshalber aufstehen.

"Bleib ruhig sitzen, guter Mann." Da war er wieder, der scheußlich unfühlbare Händedruck! "Ich habe dich ja schon lange nicht mehr gesehen – hier bei uns, meine ich."

Der andere hatte keine Ahnung, weshalb sich der Pfarrer ausgerechnet an ihn hätte erinnern sollen. "Ja, ich komme selten hierher." antwortete er nichts desto trotz.

Der Blick des Priesters schien ihn durchdringen zu wollen. "Und nun hat dich dein Schritt doch wieder an diesen Ort geführt – zu Gott!" Der Geistliche nickte vor sich hin. Es war, als spräche er nur zu sich selbst.

‚Verdammt, warum läßt er mich nicht in Ruhe? Warum kümmert er sich nicht um die zwei alten Betschwestern da vorne?‘ durchfuhr es Peter unwirsch.

Ein paar Furchen tauchten auf der Stirn des Gottesmannes auf. "Mein Sohn, mir scheint, du hast Sorgen!"

Langsam wurde der Angesprochene ungeduldig: "Wer hat die nicht, heutzutage!"

Das unsympathische Gesicht des Pfarrers kam dem Visavis immer näher und nahm einen seltsam gespannten Ausdruck an. "Möchtest du vielleicht beichten?"

Der Gefragte war überrascht, nein sogar schockiert über das in Kirchenkreisen durchaus übliche Angebot. Sah er etwa aus wie ein Verbrecher, der unter übermächtigen Schuldgefühlen zusammenbricht? Das hier ging nur ihn – nämlich Peter selbst – etwas an und vielleicht noch jenen da vorne am Kreuz, aber sicher niemals diesen neugierigen, zudringlichen Mann in der schwarzen Soutane an seiner Seite!

"Nein, das will ich eigentlich nicht." war daher die aufrichtige Antwort, nachdem Peter sich erst einmal zwei Sekunden von seinem Schock erholt hatte.

Der Priester wiederum legte das Zögern anders aus. War der Verzweifelte vor ihm durch die Nähe des Allmächtigen ins Wanken geraten? "Gott vermag alles. Und er kann auch vieles verzeihen, wenn die wahre Reue einkehrt."

"Das mag sein, Herr Pfarrer, aber im Grund genommen wollte ich nur einige Minuten allein sein."

Der Hinweis war wohl deutlich genug, doch der Kirchenmann ließ nicht locker: "In Gottes Wohnstatt bist du niemals alleine."

‚Da hast du leider allzu recht, Pfaffe.‘ seufzte Peter innerlich.

"Er weiß alles, hört alles und sieht alles." setzte der Pater fort.

"Wie praktisch. Dann brauche ich ja meine Sünden gar nicht zu beichten." ging der andere zum Angriff über.

"Dieses Sakrament in Empfang zu nehmen, ist ein Zeichen der Reue. Es bedeutet, daß man seine eigene Schuldhaftigkeit einsieht und vor aller Welt bekennt." belehrte ihn der Pfarrer und faltete beschwörend die Hände. Bekehrender Eifer riß den Priester immer weiter mit sich.

‚Außerdem heißt es, daß du alle Schandtaten und peinlichen Geheimnisse deiner Schäflein aus berufener Quelle erfährst. So bekommst du falscher Fünfziger immer mehr Macht über sie’ ärgerte sich Peter über die vermutete Scheinheiligkeit des Kirchenherrn. Aber er ließ kein Wort davon verlauten.
Der Priester deutete auf den Gekreuzigten am Altar. Dennoch ließ er dabei den – wie er meinte – wankenden Sünder nicht aus den Augen: "Sieh das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt (lies Joh 1/29)!" Fanatisch und durchdringend brach es aus dem Geistlichen hervor.

Auch Peters Blick richtete sich nachdenklich auf das matt erleuchtete, überdimensionale Kruzifix: "Die Sünden der Welt, Herr Pfarrer? Na, ich weiß nicht. Die hat er schon damals nicht hinwegnehmen können. Sie sind noch alle da – vollzählig. Und heute brächte er das noch viel weniger fertig. Die Bosheit und Dummheit der Leute ist sogar für ihn zuviel."

"Der unergründliche Ratschluß des Herrn läßt viele seiner Kinder irren, mein Sohn, damit sie dann letzten Endes mit um so höherer Demut in den Schoß seiner heiligen Kirche zurückfinden." kam es pathetisch als Antwort zurück.

Zweifelnd deutete der andere auf die beiden Frauen in der ersten Reihe: "Na, viele sind jetzt gerade nicht im Schoß Ihrer heiligen Kirche zu finden. Aber sehen Sie einmal draußen auf der Straße nach. Ich könnte mir vorstellen, daß dort etwas mehr Kinderlein auf sehr irrigen Wegen unterwegs sind. Und die haben nicht den Hauch einer Idee, hier auf einen Sprung vorbeizuschauen, um Gottes unergründlichen Ratschluß zu enträtseln. Da haben sie von einem anständigen Bingo-Abend mehr."

Ob so viel Widerspruchsgeist erhob sich die Stimme des heiligen Mannes: "Doch der Tag wird kommen! Dann werden solche Frevler um die Errettung ihrer verlorenen, verirrten Seelen winseln. Dann, wenn Jesus wiederkehrt!" Der Geistliche lächelte, denn diese Passage war ihm seiner Meinung nach recht gut gelungen. Die mußte er unbedingt in die nächste Sonntagspredigt einbauen!

Die beiden Frauen in der ersten Reihe hatten sich erschrocken zu den beiden Männern umgewandt, weil es ungewöhnlich war, daß der hiesige Hausherr seine Stimme außerhalb einer Messe so lautstark tönen ließ.

Peters ruhiger Bariton bot einen angenehmen Kontrast zum etwas scheppernden Organ des Pfarrers. "Wenn er wiederkehrt, Hochwürden, dann wird nur eines geschehen: Die Leute werden ihn noch einmal kreuzigen." Der Mann erhob sich, während er hinzufügte: "Ja, das würden sie mit ihm tun, Herr Pfarrer, ganz sicher. Aber machen Sie sich lieber keine falschen Hoffnungen: Jesus wird nicht wiederkommen."

"Oh doch!" Trompeten und Engelsposaunen schwangen in der Stimme des Seelsorgers mit. "Das wird er ganz bestimmt! Mit den himmlischen Heerscharen! Zu richten die Lebenden und die Toten! Er, der eingeborene Sohn Gottes!"

"Der eingeborene Sohn Gottes?" Peter hatte sich schon zum Gehen gewandt, doch nun zwang ihn der Widerspruch zum Einhalt. Ein wenig tat ihm der verblendete Geistliche sogar leid. Deshalb sagte er besänftigend: " Herr Pfarrer, sehen Sie sich doch den armen Mann da vorne am Kreuz an! Das ist ein Mensch, ein unverbesserlicher Idealist, der an das Gute in uns geglaubt hat. Und das hat ihn letztlich ans Holz genagelt. Seine eigenen Zeitgenossen haben ihn besiegt - machtgierig, grausam und ignorant. Der Mann hatte niemals eine echte Chance. Und er hat sie auch heute nicht." Die dunkle Stimme klang sehr traurig bei diesen Worten.

Und doch regten sie den Priester immens auf. Der Mann schnappte nach Luft. "Du leugnest das Wort Gottes? Hier in seinem Haus? Du leugnest unter diesem Dach die Botschaft des Evangeliums?"
Je aufgebrachter der Gottesmann wurde, desto ruhiger wurde Peter. Es ging ihm ähnlich wie heute schon einmal mit der ehrenwerten Mrs. Brown. "Ach, die Evangelien! Meine Mutter hat mir zu Lebzeiten viel darüber beigebracht. Diese Bücher sind Jahrzehnte nach der Kreuzigung geschrieben worden. Keiner von den Verfassern hat Jesus persönlich erlebt. Alles pures Hörensagen, lauter Nacherzählungen von Geschichten, die andere wieder von anderen gehört haben! Tja, traurig, aber wahr. Die Menschen damals haben an Götzen und Götter geglaubt. In den Köpfen spukten Zauberer, Geister und Dämonen herum. Und mit denen hat dieser armselige, gekreuzigte Zimmermann ja mithalten müssen, damit die Apostel und ihre Nachfolger zu Anhängern und zu Macht kommen. Mich wundert da überhaupt nicht, daß ein biederer Handwerker aus Nazareth über die Jahre zum eingeborenen Sohn Gottes geworden ist. Sie haben aus ihm einen Allmächtigen gebaut, der Wunder vollbracht hat, um auf die Art voll konkurrenzfähig zu sein, wie man so schön sagt. Aber in Wirklichkeit war er ein einfacher Mann. Und das einzige Wunder, das er je getan hat, war, zu allen anderen Menschen gut zu sein. Deshalb haben sie ihn auch nicht begriffen und letztendlich umgebracht. Dort vorne hängt er!"

Das rot anlaufende Gesicht des Geistlichen paßte farblich nicht wirklich zu dessen schwarzem Gewand. Er knirschte: "Das ist ja Blasphemie! Und so etwas in unserem Gotteshaus!"

Jetzt war alles Mitleid in dessen Kontrahenten erloschen. Dieser Fanatiker verdiente es nicht anders! "Dieses Haus würde jetzt nicht hier stehen, hätten die Schreiberlinge damals weniger dazuerfunden. Dann wären die ersten Anhänger wohl nicht so leicht bei der Stange geblieben. Sie hätten sich die Sache zehnmal überlegt, weil die armen Leute bis in den Tod verfolgt worden sind. ‚Seine‘ Kirche hätte in dem Fall aber heute nicht diese Macht über die Menschen." Und damit wandte sich der Verdrossene endgültig zum Gehen. Dieser Pfarrer zog einem wirklich den Nerv!

Der Gottesmann realisierte die sich anbahnende Niederlage gegen jenen Ungläubigen und zwang sich zu einem letzten Rettungsversuch: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben (lies Joh 20/29)!"

Sein Widerpart drehte sich nicht einmal mehr um, sondern antwortete über die Schulter hinweg laut genug, damit es auch die Frauen vor dem Altar hören konnten: "Aber noch seliger solche, die nicht alles glauben, was ihnen weisgemacht wird." Und damit war er durch die schwere Schwingtür getreten, die das Kircheninnere vom Vorbau trennte.
Und dann will ich Euch noch DIE philosophische Kernszene des Romans schlechthin aus dem zweiten Teil vorstellen:
Chris war die Anhöhe in flottem Schritt emporgestiegen.

Die Frau wollte absichtlich nicht dasselbe Tempo gehen, sodaß der Mann einige Zeit alleine auf der Hügelkuppe verweilte. Als Maria das Gipfelplateau erreichte, verharrte der Eingeholte regungslos an jener Stelle im wogenden Gras, vor welcher der schmale, erdige Pfad endete.

Chris hatte seinen Blick dem alten Kreuz und der dahinter allmählich untergehenden Sonne zugewandt.

Diese unerschöpfliche Lichtquelle zeichnete einen verwischten, langen Schatten des morschen Holzes neben der schlanken Gestalt in das vom sanften Wind gebeugte Gras.

Der Mann schien das mächtige Kreuz vor sich unablässig zu fixieren. Er bemerkte auch nicht gleich, daß die Angekommene neben ihn trat - zumindest kam es ihr so vor.

Das schöne Geschöpf erahnte die Richtung, in der sich seine Gedanken bewegten. Auch Maria betrachtete jenes dunkle Symbol, welches momentan über dem ganzen Erdball errichtet zu sein schien. Dann fragte sie den neben ihr in die Unendlichkeit starrenden Menschen: "Glaubst du an Gott?"

Chris wandte sich nicht zu ihr um, aber er antwortete recht prompt. Hatte er genau diese Erkundigung erwartet? Dachte er tatsächlich gerade über die alles entscheidende Grundfrage unseres Daseins nach? "Wenn du damit eine viel höher stehende Kraft als uns Menschen meinst, dann glaube ich an Gott. Ich bin von der Existenz anderer Mächte felsenfest überzeugt, die so viel mehr vermögen, als wir je verstehen werden. Ich glaube an eine phantastische Energie, welche das Weltall und somit auch ein Staubkorn namens ‚Erde’ geschaffen hat. Die Kraft ist unser Ursprung, aber nicht unbedingt ein Teil von uns." Der Mann machte lange Pausen zwischen den Sätzen, als überlege er jedesmal die richtige Fortsetzung. "Nein, dieses unbegreifliche Etwas ist wahrscheinlich unermeßlich fern und sollte uns heilig sein, weil das Wesen in keiner Weise mit uns vergleichbar ist. Großartig wäre es, könnte dessen Würde auch uns erfassen, denn dann hätte endlich Friede und Großmut in uns Platz. Über alle Distanz hinweg geschieht stets sein Wille, weil wir ach so großartigen Geschöpfe nämlich nicht einmal den mildesten Kräften jener Natur Einhalt gebieten können, die von ihm geschaffen wurde. Das gilt schon bei uns auf Erden, aber viel mehr noch im großen Universum. Der Unergründliche ernährt uns durch die Herrlichkeit und Vielfalt seiner Kreationen, solange wir diese nicht wie ein Spielzeug mutwillig ruinieren. Aber er vergibt uns den Frevel gegen sein Werk, weil alles, was wir anstellen gegen seine grenzenlose Macht unbedeutend ist, und wir uns bereits längst selber bestrafen. Daraus sollten wir eigentlich lernen, daß Vergeben göttlich ist. Vor dem Überirdischen hat nichts wirklichen Belang. Großmut würde dann an die Stelle unserer Vergeltungssucht treten, wegen der wir auch jeder Versuchung erliegen, in die wir geführt werden. Unsere Geltungssucht läßt uns nämlich wahllos nach allem streben, was Größe verleiht. Würden wir beim Verlangen nach Höherem doch bloß von dem Bösen in uns befreit werden! Dann könnten wir erkennen, was wirkliche Vollkommenheit bedeutet. Wir würden endlich spüren, daß jede Energie, Diesseits wie Jenseits, alle Schönheit und die unbegreifliche Zeit ein- und dasselbe sind, dem wir mit unserem gewöhnlichen Tun keinen Schritt näherkommen. Aber das wird wohl ewig so sein, unvermeidbar (vgl. Lk 11/2-4)."
Maria folgte dem Blick des Sprechers in das unendliche Blau, welches vom Gelb und Rot des Abendhimmels zunehmend verdrängt wurde. "Ich versteh aber, was in den Menschen, die du meinst, vor sich geht." Sie nickte als Bestätigung für sich selbst. "Sie versuchen lediglich, ein Zeichen zu hinterlassen, daß sie überhaupt da waren. Wenn du nämlich ein ganzes Leben lang schuftest, dich zusammenreißt und halbwegs anständig bist, damit irgendwann irgendwas besser wird, fällt’s dir einfach schwer, zu akzeptieren, daß verglichen mit den Ereignissen im Kosmos alles, wirklich alles, ohne Ausnahme bedeutungslos ist. Schon viele vor uns haben auf diesem Berg Gott angebetet (vgl. Joh 4/20) – vielleicht bloß, weil das, was wir da tun, eben einen Sinn haben muß!"

Zum erstenmal sah Chris die schöne Frau hier heroben an. "Warum muß es das - und für wen? Für uns Winzlinge oder den da oben? Stell dir einmal Millionen Ameisen vor, die lange damit beschäftigt sind, Teilchen für Teilchen einen Ameisenhaufen zu bauen. Hat doch Sinn, oder? Solange nicht ein Mensch dem ganzen Treiben zusieht, irgendwann aus purem Übermut mit dem Stiefel dreinfährt und alles demoliert. Nimmst du uns Erdbewohner anstelle der Ameisen, bleibt das Spiel das gleiche. Bloß daß wir Menschen uns selber als allmächtig wähnen, weil es dem Giganten über uns halt momentan nicht in den Sinn kommt, den Fuß zu erheben. Vielleicht hat er gerade etwas wirklich wichtiges zu tun! Wir glauben, der da oben besäße keine andere Aufgabe, als uns Kreaturen zu beobachten und zu beschützen. Blödsinn! Wir verfügen selbst über alles, was wir für eine glückliche Existenz brauchen. Was wir daraus machen, liegt einzig und allein bei uns! Mit welchem Recht nehmen wir uns Zufallsprodukte aus Eiweiß auf irgendeinem Staubkorn im unendlichen All so wichtig? Wirklich wahr: In religiösen Belangen haben wir das uralte, geozentrische Weltbild nie verlassen. Da sind wir in der Mitte – auf der Erde, flach wie eine Scheibe – und alles dreht sich bloß um uns." Chris zeichnete das mittelalterliche Modell der Himmelsmechanik plastisch in die Luft. "Woher beziehen wir die Kühnheit, uns als Krone der Schöpfung zu betrachten, nur weil wir pervertierte Affen als erste auf diesem vorher so schönen Planeten mit Waffen auf Artgenossen und andere Lebewesen eingedroschen haben? Wir haben uns Gott gleich gemacht, weil wir zu Herren des Todes wurden – aber nicht einmal das so richtig. Die Menschen sind nur zu Auslösern eines frühzeitigen Endes geworden, nie zu Beherrschern des Todes selbst oder gar des Lebens! Dort aber liegt erst die wahre Macht – leben, so richtig froh und glücklich leben!" Chris seufzte tief. "Wir haben uns Gott gleich gemacht – und schon das bedeutet: Es gibt einen! Aber wirklich gesucht haben wir nach ihm nicht – aus Angst nämlich, wir könnten ihn finden, und vielleicht etwas vor uns haben, das unseren Verstand übersteigt. Aus Furcht, er könnte durch seine Größe jenes Wertesystem zunichte machen, das wir uns über Jahrtausende als wahren Lebenssinn selber vorgegeben haben: Geld, Macht, möglichst viel von allem – und dann noch mehr, als die anderen zusammengenommen. Aus Scheu, wir könnten mit Tatsachen konfrontiert werden, die uns schlagartig an das Ende unseres Wissens führen. Warum fällt es uns so schwer, zu sagen: ‚Ich weiß es nicht’ oder ‚Ich bin nicht sicher’ – und das als gegebene Tatsache zu akzeptieren? Immer wollen wir so tun, als hätten wir auf alles eine Antwort parat. Sogar in den Bereichen, wo wir bloß sagen ‚Ich glaube’ basteln wir aus Spekulationen unumstößliche Dogmen, für die gar Menschen ihr Leben lassen mußten – ‚Ketzer’, die an den Thesen rüttelten ebenso wie Verteidiger des ‚rechten Glaubens’. Jeden Augenblick gaukeln wir sowohl anderen als auch uns selber reine Allwissenheit vor. Zu den fernsten Galaxien möchten wir reisen, interessieren uns aber nicht einen Deut, was unmittelbar um uns, mit uns oder in uns geschieht. Da ist so viel ringsum. Bloß weil wir keine Sinnesorgane dafür mit auf unseren irdischen Weg bekommen haben, soll es nicht existieren? Nimm zum Beispiel die Radioaktivität! Wir können sie erst seit knapp hundert Jahren mit technischen Geräten messen. War sie deshalb vorher nicht da? Infrarotlicht, Ultraschall, und noch vieles mehr – lauter übersinnliche Phänomene? Früher hätte man Wissenschaftler für den Glauben daran verbrannt. In Wirklichkeit erleben Bienen, Hunde und Fledermäuse unsere Welt ganz anders als wir. Ich frage dich: Warum können wir dann nicht mit dem Unbekannten da draußen leben – es zum Bestandteil unseres Daseins, der Zeit, aller Schönheiten und Möglichkeiten machen? Ja, wir gehen sogar soweit, daß wir dem Unbegreiflichen eine Gestalt verleihen – unsere Gestalt, verstehst du? Mit Paradontose, Haarausfall und Schweißfüßen, mit Basedow-Augen und Impotenz. Das soll der Allmächtige sein? Nicht Gott hat uns nach seinem Vorbild geschaffen, sondern wir ihn nach unserem, weil wir ihn sonst nicht ertragen könnten. Niemand hat Gott je gesehen (vgl. Joh 1/18)! Ihr betet an, was ihr nicht kennt (vgl. Joh 4/22). Nie habt ihr seine Stimme gehört, nie seine Gestalt gesehen (vgl. Joh 5/37). Von ihm sagt ihr: ‚Er ist unser Gott.‘ Doch in Wahrheit erkennt ihr ihn nicht (vgl. Joh 8/54-55). So eine Blasphemie, daß wir ihn uns so vorstellen, wie wir selber sind! Ich hätte unsagbare Angst vor einem derartigen Gott, glaube mir! Aber so sind die Menschen eben: Wenn wir uns Intelligenzen, fähige und gefühlsbetonte Geschöpfe ausmalen, kommt immer wieder ein leicht verwischtes Bildnis unser eigenen Existenz heraus – etwa so wie wir uns außerirdische Wesen auch nur mit Köpfen, Armen und Beinen vorstellen können. Das beweist bloß, wie stupid wir tatsächlich sind. Wer sagt uns denn, daß nicht auf den unwirtlichsten Planeten überlegene intelligente Lebensformen existieren? Bloß weil wir Mixtur aus Strom und Proteinen dort vor die Hunde gingen? Wollen wir die anderen ausnahmslos wegen Verstoß gegen das menschliche Aussehen disqualifizieren? Wir sagen zweifelnd: ‚Da könnte es eventuell noch andere Intelligenzen im Kosmos ...!’ Pah! Was für ein Schnickschnack. Schon die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, ja beweist eindeutig, daß wir nicht die einzigen denkenden, fühlenden Lebewesen im Universum sind. Da existieren Milliarden bewohnter Planeten – mit unvorstellbar höher entwickelten Individuen. Ich weiß es."
Maria setzte sich zu den Füßen von Chris und hörte seinen Worten zu (vgl. Lk 10/39). Ihr wehendes, dunkles Haar wurde eins mit dem hohen, wogenden Gras.

Der Blick des Mannes hatte sich schon längst wieder in die Ferne gerichtet - und er setzte im wahrsten Sinn des Wortes seine Betrachtungen fort. "Der Mensch ist schon ein seltsames Individuum. Die Natur hat in ihm den momentanen Herrscher dieses herrlichen Planeten zustande gebracht. Er hat sich mit Pflug und Schwert die Erde untertan gemacht. Doch gerade jener so kurzlebige Erfolg hat unsere Spezies entsetzlich hochmütig werden lassen. Wir können doch aus eigener natürlicher Kraft nicht einmal ein Haar auf unserem Kopf weiß oder schwarz machen (vgl. Mt 5/36)!" Chris schüttelte sein Haupt. "Das ist es, womit ich nicht klarkomme: Diese krasse Fehlentwicklung. Hat nicht der, welcher das Äußere schuf auch das Innere geschaffen (vgl. Lk 11/40)? Seine Worte tragt ihr nicht mehr in euch, weil ihr dem nicht vertraut, den Gott gesandt hat. Ihr durchforscht unzählige Schriften, weil ihr glaubt, in ihnen die Glückseligkeit oder das ewige Leben zu finden – ja, auch die sprechen eine eindeutige Sprache! Und doch unternehmt ihr nichts, um zum wahren Leben zu finden (vgl. Joh 5/38-40)! Da gibt uns eine unbegreifliche Macht genug Intelligenz, um hilfreiche Werkzeuge zu bauen, Großartiges zu schaffen und mit Waffen unsere armselige Existenz gegen hungrige Bestien in Notwehr zu verteidigen. Aber das Gefühl, die Seele, den wahren Kern jedes Wesens hat dieser Schöpfer links liegen lassen. Hände, für die Zärtlichkeit und Verherrlichung unseres Daseins geformt, sind damit beschäftigt, mit allen verfügbaren Mitteln jedwede andere prachtvolle Kreation in diesem Paradies auszurotten – sogar unseresgleichen. Damit sind wir endgültig zum toten Seitenast, zur unnützen Eskapade der Evolution, zum trivialen, makaberen Witz zwischen den Zeilen geworden, der sich irgendwann in Sekundenbruchteilen der Unendlichkeit von selbst erübrigt. Ein Blackout, ja so könnte man es wohl nennen!" Der Sprecher runzelte die Stirn, als wäre er mit seinen eigenen Ausführungen nicht ganz einverstanden. Es artete zu einem reinen Selbstgespräch aus, bei dem zufällig noch jemand anderer zugegen war. "Nein, ich tue dem Allmächtigen unrecht! Eigentlich hat er uns genug Seele überlassen. Wir wüßten ja, wie’s geht und begegnen Gott auf Schritt und Tritt (vgl. Joh 14/7). Wie oft fühlen wir wundervolle Dinge: Lachen können wir, lieben, Freude spenden und auch selber annehmen. Es ist uns bloß entfallen, überwuchert von anderen Dingen, die wir für so wichtig nehmen. Alles Schöne, Gute – und der Glaube daran ist wie ein Korn, das man in einem Garten sät. Es wächst und wird zu einem Baum (vgl. Lk 13/19). Der Mensch sät, der Keim wächst – ohne daß der Mensch weiß, wie und woher das Wunder kommt. Wie von selber bringt die Erde die Frucht (vgl. Mk 4/26-28). Ringsum jedoch schießt das Unkraut in die Höhe. Ab und zu braust dann noch ein Schnitter mit seiner Sense über das Feld, noch ehe der sprießende Baum vom Grashalm zu unterscheiden ist (vgl. Joh 4/36)."

"Und dann?" fragte die Zuhörerin.

"Du meinst, was danach kommt?" Chris blinzelte ins rötliche Sonnenlicht und machte eine kurze Pause. Er überlegte die Antwort gründlich. "Ich weiß nicht, was dann ist. Vielleicht nichts. Möglicherweise nicht die Belohnung oder Strafe für all das, was wir in unserem Leben getrieben haben. Gut möglich, daß die Geschehnisse aus unserem irdischen Dasein nach dem Tod gar nicht so wichtig sind, wie es uns die Kirche immer weismachen will. Jeder von denen geht davon aus, wir könnten uns in diesem Leben nur dann halbwegs anständig zueinander verhalten, wenn wir entweder vor einer ewigen Verdammnis zittern oder auf das jenseitige Paradies hoffen. Ist ohne solche Belohnung, ohne Strafe all unser Tun auf dieser Welt wirklich sinnlos? Sollen wir jede Freude, die wir einem anderen verschaffen, sein lassen, bloß weil wir nach unserem Dahinscheiden nichts davon haben? Das wäre doch verrückt (vgl. Joh 12/50)! Bist du nicht selber auf das Glück in dir stolz, wenn du einem deiner Zeitgenossen wirkliche Wonne bereiten kannst (vgl. Joh 6/50)? Jede Seele tut das doch! Wenn wir die Gebote einhalten – nichts anderes als Spielregeln von weisen Philosophen für weniger Vernünftige – damit wir bornierte Primaten uns nicht gegenseitig die Hälse umdrehen, dann haben wir schon fast den Himmel auf Erden. Sollten wir noch dazu bewußt die Wunder der herrlichen Natur genießen – wie beispielsweise jenen Sonnenuntergang da hinten – in denen sich Milliarden Jahre voller phantastischer Ereignisse offenbaren, dann brauchen wir am Ende des Lebens nicht vor dem Unbekannten danach zu zittern, weil schon vorher jede Sekunde unserer Existenz ein kostbares Geschenk war." Chris schaute sinnierend in den sich neigenden Glutball. Dann bekräftigte er: "Ich glaube an das Gute im Menschen und bin felsenfest davon überzeugt, daß wir mit vereinten Kräften unvorstellbar viel erreichen können. Ich glaube auch daran, daß die Energie der Verstorbenen uns ständig umgibt, ohne daß wir dies wahrnehmen können (vgl. Joh 11/25). Jeder, der lebt, wird in Ewigkeit nicht sterben. Vertrau mir (vgl. Joh 11/26). Sie sind da – ganz gleichgültig, wie sie nach unseren irdischen Maßstäben gelebt haben, oder ob sie gemessen an den eigenen Wertvorstellungen im Diesseits gescheitert sind. Nein, es gibt keine Hölle, außer wir bereiten sie uns schon selbst auf Erden (vgl. Joh 5/22). Würden wir das bleiben lassen, hätten wir ein ewiges Leben in Freude (vgl. Joh 6/47). Ohne diese wahre, höchste Erkenntnis werden wir das Paradies niemals zu Gesicht bekommen (vgl. Joh 3/3)! Niemand kommt in den Himmel, wenn er nicht schon ein Stückchen davon mitbringt und immerwährend in sich trägt (vgl. Joh 3/13), denn es gehört einfach zum ewigen Leben, das wahre Wesen Gottes zu erkennen (vgl. Joh 17/3). Glaubst du das (vgl. Joh 11/26)?"
Maria betrachtete ihren Freund. Der strahlte in diesen Minuten so eine Hoffnung und Zuversicht aus, daß er der jungen Frau unerreichbar, fast überirdisch fern vorkam. Dazu trug einerseits das ungewohnte Thema bei – Madeline hatte bei ihrer Berufsausübung mit ebenso prosaischen Ausführungen zu tun gehabt wie Maria im Hausfrauenalltag – und andererseits auch das milde rotgelbe Abendlicht, welches die feinen, doch männlichen Gesichtszüge ihres Begleiters noch weicher zeichnete, als sie ohnehin schon waren. Die Frau nickte, aber eine Frage brannte ihr noch auf der Zunge, weil sie über einen hinsichtlich Religion bedeutsamen Punkt noch nicht gesprochen hatten: "Und was ist mit Jesus? Was denkst du über ihn?"

Der andere zögerte. Huschte da ein amüsierter Ausdruck über sein Antlitz?

Die schöne Gefährtin konnte es nicht richtig wahrnehmen, denn zu schnell war das Lächeln wieder weggewischt, ehe es vollends entstanden war.

Chris blickte kurz zu dem alten Kreuz hoch. Dann antwortete er sehr bedächtig. "Dieser Mann war in allem, was er dachte, sagte und tat ein echtes Vorbild – wenn auch bestimmt nicht fehlerlos. Jedes Geschöpf aus Fleisch und Blut hat Emotionen, Schwächen und Vorlieben. In froher Hoffnung und voll Zuversicht von Maria, einer Gefallenen wie uns geboren, hat er unter der fortwährenden Borniertheit der Menschen gelitten, wurde von Pontius Pilatus verurteilt, weil die aufgehetzte Meute das verlangte, und dann haben sie diesen friedfertigen Mann aus Nazareth gekreuzigt. Er ist gestorben, begraben, aber nicht vergessen. Nur für seinen Körper war endlich alles irdische Leid vorbei. Doch er existiert weiter, ist immer noch in unserer Nähe – nicht bloß in den Überlieferungen. Zwar wurde Jesus ein Teil all jener Kräfte, die wir eben nicht begreifen, aber diese Macht umgibt uns immer und überall, auch wenn wir verlernt haben, das zu spüren. Glaub mir: Eines Tages wird er wieder der Maßstab für all unser Denken und Handeln sein."

"Du meinst also, daß er wiederkommen wird?"

Chris korrigierte: "In Wirklichkeit war er nie richtig fort."

Maria fühlte sich in ihrer Vermutung bestätigt. Trotzdem fragte sie: "Was denkst du? War Jesus der Sohn Gottes?"

"Natürlich." kam die prompte, ruhige Auskunft. "So wie auch ich dessen Sohn bin – und du seine Tochter. Wir alle sind Teile der unendlichen Kraft. In der Hinsicht war dieser Mensch vor zweitausend Jahren vielleicht nichts besonderes – mit einer Ausnahme: Jesus ist seinen Weg für das Gute ohne irgendeinen Kompromiß gegangen - und auf der gar nicht langen Strecke hat er so viele andere für seinen Glauben an das Schöne, für die Toleranz und den Frieden gewonnen, damit die Leute in seinem Sinn zu einem erfüllten Leben finden (vgl. Joh 20/31). Er überzeugte die meisten ringsum durch seine persönliche Ausstrahlung, mittels Autorität und Charisma (vgl. Joh 17/2). Die Mächtigen von damals haben geglaubt, ihn durch den Tod aufhalten zu können – eine törichte Fehleinschätzung. Zwar war jegliche direkte Wirkung des Mannes erloschen, aber die Apostel glichen sein Fehlen auf ihre Weise aus, indem sie sich eine jetzt um so leichter formbare Wunschgestalt hingebogen haben. Man kann aus Menschen Götter bauen und aus Göttern Teufel. Natürlich haben die Apostel seine Visionen mit auf den Weg bekommen, aber mit denen war in der damaligen Zeit kein Staat zu machen. Genau genommen ist damit nicht einmal heute besonders viel anzufangen, denn welche Person glaubt nicht lieber an die Wunder eines Gottes, als an die Worte eines x-beliebigen Mitmenschen? Ich weiß nicht, ob man den Evangelisten von damals für ihr Zutun wirklich böse sein soll. Ohne diese Verpackung wäre vom so wertvollen Inhalt heute nichts mehr übrig. Vor zweitausend Jahren gab es nur die mündliche oder schriftliche Überlieferung. Heutzutage heißen die neuen Evangelien Fernsehen, Radio, Film und Zeitung. Wir halten die Aktionen bedeutender Persönlichkeiten optisch und akustisch fest. Auf diese Weise bleibt Gandhi ein Gandhi, Martin Luther King bleibt Martin Luther King - und John Lennon wird immer John Lennon sein. Früher wäre aus jedem dieser Märtyrer vielleicht auch ein Heiland geworden, weil auch sie nur ein Zusammenleben in Frieden wollten. Wie der Betreffende aber wirklich ist, bleibt auch heute noch ein Rätsel. Es ist in unserer Gegenwart nicht unmöglich geworden, Menschen zu verfälschen, nur schwieriger - und Gnade Gott, es gelingt. Dann läuft die Kettenreaktion hundertfach schneller ab, als damals. Sieh dir nur den ganzen Rummel um Pop- oder Filmstars an. Jesus war so eine Kultfigur von damals und wurde mit den damals verfügbaren Mitteln optimal vermarktet. Bloß überlebt hat er es nicht – soll gegenwärtig übrigens auch ab und zu vorkommen. Sein Fanclub existiert jedoch noch heute, und die zuständigen Manager scheffeln Geld wie verrückt. Wenn es etwas gibt, was er damals sicher nicht wollte (vgl. Joh 12/50), ...!" Chris verstummte im Grimm. Seine Emotion war augenblicklich unmöglich zu verbergen.

Maria hatte den Sprecher die ganze Zeit über ansehen müssen. Die Perspektive – sie so im Gras sitzend und er neben dem Kreuz stehend, mit einer scharfen Kontur gegen den bläulich werdenden Abendhimmel, machte ihn noch größer, als der Mann ohnehin war. In seinem Gesicht las sie die ganze Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Gesellschaftssituation. Sie spürte, wie sehr er unter der Begriffsstutzigkeit vieler anderer litt. Aber nicht nur deshalb fragte sie: "Sag einmal, Chris, bist du wirklich bloß ein Zimmermann? Du weißt derart viele Dinge, kannst gescheit sprechen und toll philosophieren."

Der andere wandte seine Augen aus der Ferne zu ihr herab und meinte: "Es ist für einen Handwerksberuf nicht Grundvoraussetzung, ungebildet zu sein." Klang das eher belustigt oder verstimmt?

"Aber du tust so vieles, was für uns ungewohnt ist."

Chris schaute die Person vor sich an. Die ganze Welt lag darin. Dann antwortete er: "Ich beende nur etwas, was ein anderer schon lange vorher angefangen hat – und weißt du, was der Schlüssel dafür ist?"

Sie schüttelte den Kopf.

Chris beugte sich herab und schrieb mit dem Finger auf die Erde (vgl. Joh 8/6): "LOVE".

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